Evangelisch seit 1524
Manchmal stehen vor dem Pfarrhaus in Lorsbach Schulkinder und bestaunen das Fachwerk. Die Lehrer erklären dann, dass es in früheren Zeiten das kleinste Pfarrhaus Hessens war und seine Grundsteine aus dem Jahr 1596 stammen. Weil in dem Gebäude auch das Amtszimmer und der Gemeindesaal untergebracht waren, standen dem Pfarrer und seiner Familie nur drei Räume zur Verfügung. Das ist heute anders, denn es gibt inzwischen ein Gemeindehaus mit einem großen Saal und einigen Büroräumen. Pfarrerin Kerstin Heinrich, nach 46 Pfarrern in Lorsbach die erste Frau in diesem Amt, teilt trotzdem manchmal ihre Wohnung – zuletzt mit einer ukrainischen Familie, die in Lorsbach Schutz suchte.
Ein malerisches Ensemble bilden Kirche (gebaut 1768), Pfarrhaus und das ehemalige Gasthaus Linde im Lorsbacher Ortskern, für so machen Film wurde es schon als Hintergrund genutzt. Davor erstreckt sich der Zimmerplatz – und auch der ist inzwischen zum Kirchenraum geworden. In Corona-Zeiten ermöglichte er Gottesdienste im Freien. Inzwischen sind diese Freiluft-Gottesdienste fest im Programm der Kirchengemeinde, oft in Kooperation mit der methodistischen Gemeinde, die ihren Andachtsraum ebenfalls am Zimmerplatz hat. Hier findet außerdem jeden Mittwoch seit Kriegsausbruch in der Ukraine ein Friedensgebet statt. Und manchmal verlagert sich der Gottesdienst nicht nur ins Freie, sondern auch an ungewöhnliche Orte: An die Tankstelle, den S-Bahnhof oder zum Erntedank in den Reiterhof.
Rund 750 Mitglieder umfasst die evangelische Kirchengemeinde Lorsbach. Für sie gibt es ein vielfältiges Programm: Babys und ihre Mütter oder Väter treffen sich zur Krabbelgruppe, lecker duftet es, wenn die Männerköche kochen, Senioren treffen sich zum Erzählen, Spielen und für Ausflüge und einmal im Monat werden im „Lorsbacher Kirchenkino“ im Gemeindessaal interessante und berührende Filme gezeigt – und zum Film passend ein Imbiss angeboten. An jedem zweiten Mittwoch im Monat (außer im Januar und Februar) wird ein Tagesausflug mit dem Bus in die nähere Umgebung angeboten.
Nicht nur, weil die Kirche eine Weigle-Orgel aus dem Jahr 1910 besitzt, ist Musik ein Schwerpunkt in der Lorsbacher Kirchengemeinde. Der ökumenische Chor, der im vergangenen Jahr sein 100-jähriges Jubiläum feierte, präsentiert zweimal im Jahr, zu Ostern und am 1. Advent, hochkarätige Konzerte. Auf dem Programm standen schon Bachs Weihnachtsoratorium und Mozarts Requiem. Die Atmosphäre in der Lorsbacher Kirche, bei der die Zuhörer nah bei den Musikern und Sängern sitzen, garantiert jedes Mal ein besonderes Konzerterlebnis. Der Lorsbacher Posaunenchor hat im Jahr 2018 seinen Einzugsbereich vergrößert und ist jetzt auch für die Johannes- und die Thomasgemeinde in Hofheim zuständig, deswegen heißt er nun „Hofheimer Posaunenchor“.
Pfarrerin Kerstin Heinrich hat in Lorsbach nur eine halbe Stelle. Ohne das Engagement vieler Gemeindemitglieder wäre das alles nicht zu schaffen. Ein Fürbitten-Team unterstützt die Pfarrerin bei den Gottesdiensten. Eltern organisieren die Kinderkirche und wirken beim Familiengottesdienst mit. Da die Kirchengemeinde auch den evangelischen Kindergarten trägt, ist der Andrang groß, wohl auch, weil im Kindergarten immer wieder christliche Themen angesprochen werden. Mit der künftigen Generation hat die Gemeinde, die es seit 1524 gibt, die Zukunft also fest im Blick. Nun gilt es, im Nachbarschaftsraum die Weichen für neue Zeiten zu stellen.
Aus dem Auferstehungs-Mosaik, Ausgabe 4/2025
